Meine therapeutische Position

(Auszug aus einer Internetkommunikation über Psychotherapieschulen mit Kollegen, vor einigen Jahren) 

Mir geht es so: ohne das Fundament einer Psychotherapieschule stelle ich mir unsere Arbeit schwer vor, nicht zuletzt, weil unser ureigenes Sicherheitsbedürfnis und die Verantwortung gegenüber unseren Klienten/Patienten ein solches Fundament - unabhängig von den Richtlinien - zu fordern scheinen. Allerdings ist die Frage der Plastizität dieses Fundaments und der Membranstärke des Kerns (meines und des paradigmatischen) eine, die sich mir immer wieder neu stellt und die ich für mich noch nicht abschließend beantworten kann. Das verunsichert mich allerdings immer weniger (was hoffentlich nicht nur auf meine auch altersbedingt wachsenden blinden Flecken zurückzuführen ist).

Mein Fundament (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Individualpsychologie nach Adler) war noch nicht sehr gefestigt (i.S. von langjähriger therapeutischer Erfahrung), als ich mich entschloss, den hypnotherapeutischen und wieder später den "integrativen Traumaansatz" neben das erste Fundament zu stellen, ohne zu wissen, ob ein Gebäude daraus entstehen würde/könnte/sollte. Ich empfand diese (und andere) Weiterbildungen als Bereicherung, u.a. deshalb, weil ich endlich in Kontakt mit Kollegen sehr unterschiedlicher theoretischer Ausrichtungen kam. Aber verunsichernd war dieses Über-den-Tellerrand-gucken ebenfalls, und ich fühl(t)e mich manchesmal wie unbeheimatet, als wäre mein Gebäude nie bezugsfertig/bewohnbar.

Heute habe ich meist den Eindruck, dass die Ansätze in all ihrer Unterschiedlichkeit wie Jahresringe eines Baums zu mir gehören, auch wenn sie meinen Kern jeweils anders berühren. Sie kommen nicht alle gleichermaßen zum Einsatz, sondern orientieren sich am jeweiligen Gegenüber und dem Prozess, in den wir uns begeben. Auch der kurzzeittherapeutische lösungsorientierte Weg nach de Shazer ist dabei manchmal einer, auf dem ich einen Klienten/Patienten begleite, ohne mein (tiefenpsychologisches) Fundament bedenklich ins Wanken zu bringen ;-)).

Wenn ich die Integrationsbestrebungen einzelner Therapieschulen betrachte (und dabei, falls das überhaupt möglich ist, von den ideologischen und berufspolitischen Machtkämpfen absehe), fällt mir doch sehr auf, dass sie jeweils _ihre eigene Richtung_ zum paradigmatischen Kern des jeweiligen (Integrations)modells wählen. Ist irgendwie ja sehr menschlich ;-). Sinnvoll an allen diesen Versuchen (und darauf möchte ich hier fokussieren) ist dennoch das Bemühen um Verständigung, das mehr Einblick in andere Richtungen zur Folge hat und manche Berührungsängste überraschend abzubauen hilft oder die jeweiligen Grenzen/Begrenzungen transparenter macht. Bei einer sol­chermaßen erweiterten Wahrnehmung des komplexen Netzwerkes Psychotherapie ergibt sich zumindest die Möglichkeit für uns als Praktiker, die wir ja nicht auf die Ergebnisse der verschiedenen Evaluationsstudien untätig warten können, auf bestimmte psychische Prozesse bei unseren Klienten/Patienten aufmerksam zu werden, auf die uns "unsere eigene Schule" nicht genügend vorbereitet hat.

Wenn wir die neuen Erkenntnisse auch in unsere Persönlichkeit zu integrieren vermögen, werden sie, bei einer positiven Therapeut-Klient/Patient-Beziehung (als gesichertem Wirkfaktor, trotz der uns jeweils von außen gesetzten Grenzen und innerhalb unserer eigenen Grenzen) fruchtbar gemacht werden können, denke und hoffe ich. Und zwar unabhängig davon, ob der Schulenwettbewerb oder ein konzeptloser Eklektizismus sich "durchsetzen" oder eine Art "Gesamtschule" in Form eines allgemeinen Rahmenkonzepts, das nicht nur die theoretischen Gemeinsam-keiten, sondern auch die Unterschiede von Schulen beachtet, interdisziplinäre Dialoge über die Ergebnisse von Prozessforschungen fördert und so weiter und so weiter (es gibt ja eben auch bei den "Integrativen" sehr unterschiedliche Bestrebungen).

 uijeh, jetzt bin ich zu müde zum Kürzen, seht es mir bitte nach. viele Grüße Renate